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Aufnahme: 13.10.2019 , Sophiensæle (Video © Walter Bickmann)

Joana Tischkau

BEING PINK AIN’T EASY

Sophiensæle

Texte zur Produktion

Pink people wanna know if other pink people like hip-hop
how can it still be hip-hop?
That’s like asking, if black people like
Dirty Harry is he still Clint Eastwood?
What is Hip Hop?

Greg Tate

2002 trug der Rapper Cam’ron im Musikvideo zu Hey Ma ein rosafarbenes Bandana unter einem rosa abgesetzten Cap, passend zum rosa Velours-Tracksuit. Die US-Rap-Welt, sonst von performativer Hypermaskulinität durchtränkt, kam nun weich, plüschig und pink daher. Dieser Trend erreichte schnell die Laufstege europäischer Metropolen, hatten doch Afro-Amerikanische Rapper, die rassifizierte Zuschreibungen von Heterosexualität, Hypermaskulinität und Aggressivität perfekt verkörperten, bewiesen, dass die feminin vergeschlechtlichte Farbe ihrem Image nicht schaden konnte. Dieser medial-historische Moment ist der Ausgangspunkt für das choreografische Solo BEING PINK AIN’T EASY, das die Fragilität und Machtmechanismen sichtbar macht, die sozialen Konstruktionen zu Grunde liegen. Die Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit dem unstillbaren weißen Begehren nach Schwarzen Ausdrucksformen. Denn neben der Musik liefern uns Künstler_innen ihre Körperlichkeit als konsumierbare Konzepte zur Konstruktion des eigenen Selbst. Kapitalistische Vermarktungslogiken machen Schwarze Ästhetiken zu einer für jede_n verfügbaren performativen Maske. In Everything but the Burden – What white People are taking from Black Culture (2003) beschreibt Greg Tate Hip Hop auch als das ästhetische Nebenprodukt der amerikanischen Dream-Maschinerie, des Konsumkapitalismus und der unterschwelligen Verführung. Weiterführend stellt Tate fest, dass somit die Figur des White N*, des Wigga oder Wangsta in einer langen Traditionslinie mit US-amerikanischen avantgardistischen Künstler_innen der 20er und 30er steht. Deren spätere und präziseste Ausformulierung wird durch die Kunstfigur Eminem verkörpert. BEING PINK AIN’T EASY verweist auf Hautfarbe als Konstruktion, die Weiß-Sein als machtwirksamstes Symbol gesetzt hat und durch seine Nicht-Benennung als solches vermeintlich neutral daherkommt. Die Bühnenfigur, der White N*, erfährt in diesem Stück eine Hyper-Markierung: Sein Pink-Sein nicht von sich weisen könnend, ist er mit der schwer aushaltbaren Tatsache konfrontiert, Profiteur der weißen Matrix zu sein. BEING PINK AIN’T EASY sucht nach den Ambivalenzen, die zwischen den Abwehrmechanismen wie „white fragility“ (Robin DiAngelo) und Formen kultureller Aneignung verwoben sind.

JOANA TISCHKAU tanzt. Eine der ersten Erinnerungen daran ist der Moment, bei dem sie zu Kaomas Hit Lambada von 1989 auf einer Kindergeburtstagsparty abdancte. Diese Erfahrung bewegte sie dazu, sich bei der Tanzschule nebenan für Jazzdance, Hip Hop und Videoclip Dancing anzumelden. Später studierte sie Tanz und Schauspiel an der Coventry University in Großbritannien sowie Choreografie und Performance am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Ihre künstlerische Praxis ist ein hybrides Durcheinander, welches die Schriften von bell hooks auf beatboxing treffen lässt, in der ein Fitness Workout aus weißem Bewegungsmaterial entsteht und Roberto Blanco als König Schwarzer Deutscher Unterhaltungskunst gehuldigt wird. Ihre Master-Abschlussinszenierung PLAYBLACK ist eine Kopie der von Mareijke Amado moderierten Mini Playback Show und bildete den konzeptuellen Nährboden für BEING PINK AIN’T EASY.

RUDI NATTERER verbrachte den Großteil seiner frühen Jugend auf den Basketballplätzen des Stuttgarter Speckgürtels und hörte exzessiv Rap. Dadurch eignete er sich eine als Hip-Hop oder Schwarz gelesene Körperlichkeit und Performance an, ohne dabei der schwäbischen Hausmannskost oder der Liebe seiner Mutter zu J. S. Bach zu entkommen – und macht sich somit zum idealen Subjekt für Joana Tischkaus Fallstudie. Nach abgebrochenem Philosophiestudium in Leipzig studierte er zeitgenössischen Tanz in Salzburg und lebt derzeit in Wien. Solo geht er als Rapper Pablo Pikachu der Frage nach, wie er als weißer Cis-Mann authentisch Auf-die-Fresse-Rap mit Message machen kann, der einer feministischen sowie anti-rassistischen Kritik standhält.

FRIEDER BLUME liebt Musik. Als weißer Techno-Produzent und DJ ist er unweigerlich mit Fragen der Aneignung und Repräsentation populärer Musikkultur konfrontiert. In seinem Studienverlauf der Musikwissenschaft und Gender Studies an der Humboldt Universität Berlin beschäftigte er sich mit den Verknüpfungen von Musik und gesellschaftlichen Identitätskonstruktionen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse und stetig aufkommenden Fragestellungen begleiten seine musikalische Praxis in verschiedenen Projekten und führten ihn zur Zusammenarbeit mit Joana Tischkau an den Stücken WHAT.YEAH und TPFKAWY.

ELISABETH HAMPE studierte Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin sowie Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Sie schreibt Konzepte, arbeitet als Performerin, Dramaturgin und nebenbei in einem Berliner Plattenladen. Ihr Interesse gilt den Repräsentationsmechanismen Schwarzer Musik und Kulturproduktionen, so befasste sie sich beispielsweise kritisch mit dem viel diskutierten Mittel des Blackfacings auf deutschen Bühnen. BEING PINK AIN’T EASY ist nach TPFKAWY und PLAYBLACK ihre dritte Zusammenarbeit mit Joana Tischkau.

NURAY DEMIR ist im Sauerland aufgewachsen und träumte davon, als Schauspielerin auf der Bühne zu stehen. Als sie realisierte, dass in den meisten Ensembles niemand aussah wie sie, verwarf sie diese Idee schnell und tummelte sich, in einem Skate Shop arbeitend, unter die Stuttgarter Deutschrap-Szene. Nuray arbeitet als Künstlerin und Kuratorin transdisziplinär in den verschiedensten Kontexten und Kollaborationen. Ihre Arbeiten sind von feministischen und post-kolonialen Diskursen durchzogen, um empowernde Gegenentwürfe zu patriarchalen, heterosexistischen Strukturen herzustellen. Gemeinsam mit Joana Tischkau entwickelte sie im April 2019 die Arbeit speculative bitches am Hebbel am Ufer in Berlin.

NADINE BAKOTA wuchs zwischen Küche und Gästebereichs eines serbokroatischen Steakrestaurants auf. Sie studierte Medizin an der LMU München und anschließend Modedesign an der Kunsthochschule Berlin Weißensee, ihre Abschlusskollektion beschäftigt sich mit getragenen Brautkleidern. Ihr Interesse geht der Frage nach, inwiefern Textilien und Kleidungsstücke bereits eine eigene Geschichte und einen Bewegungskörper haben, bevor sie sich mit unserem verbinden. Mit Nuray Demir und Joana Tischkau arbeitete sie bereits als Kostümbildnerin für speculative bitches.

[Quelle: Abendzettel]

TFB Nr. 1378

Besetzung & Credits

CHOREOGRAFIE: Joana Tischkau
PERFORMANCE: Rudi Natterer
SOUND DESIGN: Frieder Blume
DRAMATURGIE UND KÜNSTLERISCHE MITARBEIT: Nuray Demir, Elisabeth Hampe
KOSTÜM: Nadine Bakota
BÜHNE: Inga Danysz
LICHT: Juri Rendler
PRODUKTIONSLEITUNG: Lisa Gehring

Eine Produktion von Joana Tischkau in Koproduktion mit SOPHIENSÆLE, Münchner Kammerspiele und Künstlerhaus Mousonturm im Rahmen der Tanzplattform Rhein-Main.
Die Tanzplattform Rhein-Main, ein Projekt von Künstlerhaus Mousonturm und Hessischem Staatsballett, wird ermöglicht durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain und gefördert vom Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Stiftungsallianz [Aventis Foundation, BHF BANK Stiftung, Crespo Foundation, Dr. Marschner-Stiftung, Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main]. Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Frankfurt. Unterstützt durch das NATIONALE PERFORMANCE NETZ Koproduktionsförderung Tanz, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

After Europe ist ein Festival der SOPHIENSÆLE,
Kurator: Julian Warner
Das Festival wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.
In Kooperation mit Diversity Arts Culture.

Sophiensæle

Sophienstraße 18
10178 Berlin

sophiensaele.com
Karte

Tickets: (030) 283 52 66

Videodokumentation

Die Videodokumentation wird von der Kulturprojekte Berlin GmbH im Auftrag der Senatsverwaltung für Kultur und Europa hergestellt. Im Rahmen dieses Auftrags werden Produktionen im Bereich des zeitgenössischen Tanzes in Berlin dokumentiert. Die Masteraufnahmen werden von der Universitätsbibliothek der Universität der Künste Berlin archiviert. Kopien der Dokumentationen auf DVD werden folgenden Archiven zur Verfügung gestellt und sind ausschließlich im Präsenzbestand (an den Medienplätzen vor Ort) zur Sichtung zugänglich:

Universitätsbibliothek der Universität der Künste Berlin
Mediathek für Tanz und Theater des Internationalen Theaterinstituts / Mime Centrum Berlin
Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz Berlin

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