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Aufnahme: 10.12.2009 , HALLE TANZBÜHNE BERLIN (Video © Walter Bickmann)

Jo Fabian

Independent Swan. eine WahnVorstellung

HALLE TANZBÜHNE BERLIN

Texte zur Produktion

jofabian.de

1. Die Vergangenheit, die so viel Ungemach und Not, so viel Krieg und Leid, so viel Ungerechtigkeit und Armut mit sich brachte, so viel Unvernunft und Lüge, so viel Verführung und Verblendung unseres Geistes, so viel betrügerische Manipulation der Wünsche und Sehnsüchte des Menschen – sie ist noch immer nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.

2. Mein Stück Theater soll eine Landschaft sein. Eine Landschaft mit Skulpturen.
Skulpturen, die in Stein gehauene Frage nach ihrer Existenz, nach ihrer Zukunft sind. Die Texte sind auch eine Landschaft. Sie kommen aber noch nicht vor.
Sie werden außerhalb des Theaters entstehen und später für sich in Anspruch nehmen, vollkommene Form zu sein. Dann ist das Theater nicht mehr der Text.
Dann ist der Text auch nicht mehr für das Theater da.

Das Publikum, die zukünftige Einheit von Mensch und Maschine, in dieser Landschaft stehend, mit den Skulpturen, die sie selber waren. Sie haben die Texte mitgebracht. Vor der Revolution, dem Eingriff, der die Zeit anzuhalten nicht taugte. Um den rasenden Wahnsinn zum Stillstand zu zwingen. Die zukünftige Mensch/Maschine/Einheit blättert im Programmheft. Sie will wissen, worum es geht.

Aber die Landschaft schweigt. Sie hat keinen Inhalt. Sie ist die Form gewordene
Textlosigkeit. Die Angst, die Schönheit, die Utopie. Der Inhalt befindet sich außerhalb vom Theater. Im Speicher der Mensch/Maschine/Einheit, im Kopf der Menschenheit.

Solange sie ihre Zukunft in Programmheften sucht, wird sie sie auch nicht finden.
Im Gegenteil, auf diese Art und Weise wird sie sie vernichten.

Das unerträgliche, dröhnende Schweigen der Landschaft soll die steinernen Skulpturen in Bewegung versetzen. Aus dieser Bewegung soll eine Bewegung werden. Aus dieser Bewegung soll die Sprache entstehen. Nicht meine Sprache, nicht die der Landschaft, nicht des Theaters. Es soll entstehen die Sprache des Publikums.

Zwischen den Beschleunigerbildern der Landschaft kommen wir noch vor – Federvieh verzehrend.

Der kleine Heiner besaß in Italien einen Hahn. Aber weil der immer in Nachbars Garten grub, musste ihn seine Mutter erschlagen und zum Abendessen zubereiten. Als Heiner am Tisch Platz nahm, sagte sie zu ihm: Es wäre sein Hahn, er müsse nicht von ihm essen. Aber der kleine Heiner hatte großen Hunger und so wollte er von ihm essen. Er wollte ihn sogar für sich ganz allein.

JO FABIAN – Fragmente einer Künstlerbiographie

Die stete Auseinandersetzung mit dem Andersgedachten – diese auf Alltagserfahrungen im totalitären Staat beruhende Lebensstrategie wird für Jo Fabian wegweisend auch in der Kunst. Mit großer Konsequenz entwickelt der 1960 in der Hauptstadt der DDR geborene Schauspieler und Regisseur, für dessen eigensinnige Arbeiten sich in den 80er Jahren nicht nur ein unangepasstes Publikum, sondern auch die Stasi interessiert, seine eigene Bühnensprache.

Aufbruch, Hektik und politische überstürztheit der späten 80er, kulminierend im Mauerfall und im Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Europa, provozieren bei Jo Fabian eine bewusste künstlerische Gegenhaltung: In seinen Inszenierungen, u.a. für das Bauhaus Dessau, befasst er sich mit dem Phänomen der Entschleunigung, lässt verbal schwer fassbare gesellschaftliche Untiefen in wortkargen Stücken sichtbar werden.
Mit seiner 1989 gegründeten freien Projektgruppe example dept., die sich Anfang der 90er Jahre im Berliner Theater unterm Dach niederlässt, perfektioniert er die unverwechselbare Handschrift des von ihm so bezeichneten „Theaters der bewegten Architektur“ – unverwechselbar auch deswegen, weil Jo Fabian sich souverän aller Genres und Medien der Bühne bedient: Er führt Regie, schreibt Texte, entwirft Bühnenbild und Lichtdesign, dreht Videofilme, choreographiert, komponiert und zeichnet. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die ironische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und Gegenwart durch sein Werk.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts widmet sich der Regisseur wieder verstärkt dem textbezogenen Theater; parallel zur Premiere von „Die Idioten. das stück“ (2002) geben Department und Jo Fabian die dazu gehörigen Prosa-Arbeiten als aufwändig gestaltetes Buch heraus. Die spezifische Bühnensprache des Künstlers entwickelt sich derweil kontinuierlich weiter, textlich wie bildlich, klanglich und körperlich. Sie ist immer auch gekoppelt an die Ausarbeitung von theoretischen Konzepten, wird von Begriffen wie Negative Wirklichkeit, Formale Systeme, Spektralsurrealismus, Katagraphie, und Alphasystem untermauert.

Die so entstehenden Inszenierungen verstehen sich als gesellschaftskritische Bestandsaufnahmen, als Grenzgänge zwischen Tanz, Theater und Bildender Kunst – in ihrer philosophisch-naturwissenschaftlichen Durchdachtheit stellen sie mitunter weniger Kunstform als Methode dar. Stück für Stück durchleuchtet von einer Ästhetik des streng kalkulierten Wahnsinns, in der Kontrollverlust eher den Objekten als den Menschen zueigen ist. Jo Fabians Anspruch ist es, die absolute Inszenierung zu kreieren, die perfekte Sinnlichkeitsmaschine. Aus einer tiefen Ablehnung jedweder Art von Determination heraus entstehen rätselhaft verspielte Modelle, die, gepaart mit brachialer Klanggewalt, die Intelligenz der Sinne herausfordern. Ein sublimierter sozialistischer Realismus bricht sich manchmal Bahn, wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft.

Besetzung & Credits

Regie / Katagraphie / Raum / Licht / Video / Programmierung: Jo Fabian
Darsteller: Kerstin Rünzel, Peter Vandemeulebroecke, Annegret Thiemann, Matthias Horn
Live–Musik: Bombus / Lars Neugebauer, Tania da Silva, Mareike Krumm
Zusätzliche Musik: Rammstein, Schubert, Strauss
Produktionsleitung: Susanne Ogan, Hans Jansen
Technische Leitung / Video: Karl Wedemeyer
Technische Koordination: Boes Diertens
Sounddesign: Lars Neugebauer
Ton / Lichttechnik: Jan Langebartels
Management: Christopher Langer
Assistenz / Praktikanz: Petra Farhan
Pressearbeit: Silke Wiethe

Eine Koproduktion von Jo Fabian Department, Berlin und Noord Nederlands Toneel, Groningen.
Koproduzenten: Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt/M, Muffatwerk München, PACT Zollverein Essen.
Gefördert durch das NATIONALE PERFORMANCE NETZ im Rahmen der Koproduktionsförderung aus Mitteln des Tanzplan Deutschland der Kulturstiftung des Bundes.
In Kooperation mit der HALLE Tanzbühne BERLIN.

HALLE TANZBÜHNE BERLIN

Eberswalder Straße 10-11
10437 Berlin

halle-tanz-berlin.de
Karte

Tickets: (030) 440 44 292
ticket@halle-tanz-berlin.de

Jo Fabian / Trailer und Videodokumentationen

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