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Aufnahme: 17.10.2019 , Sophiensæle (Video © Walter Bickmann)

Jule Flierl, Mars Dietz

WISMUT – A NUCLEAR CHOIR

DAS OST-WEST-DING | Sophiensæle

Texte zur Produktion

Eine Doku-Tanz-Performance über den Uranabbau und sein Nachstrahlen in Landschaft und Gesellschaft.

Unter strengster Geheimhaltung baute die SDAG Wismut 44 Jahre lang im sächsischen Erzgebirge Uran für den Bau der sowjetischen Atombombe ab. Arbeiter_innen wurden angesiedelt, Ortschaften umgewälzt und Landschaften vergiftet. Drei Jahrzehnte später ist vom Bergbau nicht mehr viel zu sehen, doch die Geschichte strahlt in der Gesellschaft und in den individuellen Körpern nach. Der nukleare Bewegungschor lädt das Publikum ein, ihm in ausgehöhlten Landschaften zu folgen. Im Ton-Stakkato bohren sich Hämmer in Felsgestein, während das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv, Ideologie und Landschaft, Unbehagen und Utopie erkundet wird.

„Der Berg atmet. Kalte Luft stürzt in den Förderschacht. Unten die ein- und ausziehenden Wetter, der Organismus von Hauptstrecken und Querschlägen und Blindschächten, der funktioniert. Aber ein Atem, als ob einer eiserne Lungen gebaut hätte, ein ganzes Gebirge zu lüften. Und oben die Halden, die Fördertürme, Natur, wie mit dem Beil behauen. Ganze Wälder, die hinabgeschickt werden. Ganze Felsmassive, die da heraufkommen.“

(Werner Bräunig, Rummelplatz)

„Wismut – eine Landschaft, eine ausgebeulte, eingekerbte und ausgehöhlte. Überdimensionierte Narben, die uns wie Hügel vorkommen – Berge, Jahrmillionen alt. Verstrahlte Landschaft und verstrahlter Blick – unter der Haut, die verknöcherten Spuren der Geschichte, der Kriege, der Dampfmaschinen, der steigenden und fallenden Weltmarktpreise, der politischen Verkantungen, der wissenschaftlichen Vefügbarmachung und Zurichtung, die ihre zur Allmachtsfantasie geronnene Angst als Atompilz in die Erde rammt – der Traum nicht endender Eroberung, Jahrhunderte weiterstrahlend, perpetuum mobile des Sieges, eine Waffe, die sich noch lange nach dem Krieg auf den Oberflächen in die Zellkerne frisst, die in immer kleinere Waffen zerfällt. Wo die paranoide Partei sich einst tollwütig in die Erde verbeißen musste, deren Kiefer wir nicht aufgebrochen kriegen, obwohl der Körper schon lange abgestorben ist. Die wir fast so was wie vermissen, weil wir die Bisswunden von heute gerne zuordnen können würden.“

(Wismut-Fragment, Luise Meier)

WISMUT – A NUCLEAR CHOIR verarbeitet verschiedene Rohmaterialien:
Werner Kunz: Erz des Friedens. Gedicht veröffentlicht 1972 anlässlich der 500jährigen Bergbautradition des Erzgebirges im Schneeberger Heimatbüchlein.

SOUNDDESIGN
Tonaufnahmen im Markus-Semmler-Stollen, Sommer 2019 mit zwei Feldmikrofonen.

BERGMANNSTÄNZE
Staatliches Volkskunstensemble der DDR beim ersten Fest des Deutschen Volkstanzes in Rudolstadt 1955 (Aufnahme aus dem Bestand des Tanzarchivs Leipzig)
Schwerttanz/Zunfttanz der Bergknappen, Videoaufzeichnung des Vereins Steirische Eisenstrasse (www.eisenstrasse.co.at/bergmaennische-tradition)

FOTODOKUMENTE
der Choreografien von Jean Weidt, Rudolf von Laban und Albrecht Knust

TEXTE
Kate Brown im Interview mit DemocracyNow! über die Tschernobyl-Nachwirkungen. August 2019.
Winona LaDuke: Vorwort des Uran-Atlas der Le Monde diplomatique. September 2019.
Michael Beleites: Dicke Luft. Zwischen Ruß und Revolte. Die unabhängige Umweltbewegung in der DDR. Leipzig 2016.
Werner Bräunig: Rummelplatz. Berlin 2007.
John Bey, CEO of Standard Uranium im Interview auf www.thenextbullmarketmove.com (11. September 2018)
Luise Meier, Zoe Knights, Zwoisy Mears-Clarke und Cathy Walsh: Voice of Uranium.
Gebietsleitung Wismut der SED (Hrsg.): Zur Geschichte der Gebietsparteiorganisation Wismut der SED. 1988.

GESPRÄCHE
mit Mitarbeiter_innen der Wismut Gmbh, ehemaligen Mitarbeiter_innen der SDAG Wismut, sowie Opa Harry, Oma Bärbel, Peter und Tante Ute zwischen Sommer 2018 und Sommer 2019.

[Quelle: Abendzettel]

TFB Nr. 1380

Besetzung & Credits

KONZEPT, CHOREOGRAFIE: Jule Flierl
KONZEPT, INSTALLATION, SOUND: Mars Dietz
NUKLEARER KERN: Zoë Knights, Zwoisy Mears-Clarke, Cathy Walsh
NUKLEARER CHOR: Gretchen Blegen, Pauline Brun, Mars Dietz, Jule Flierl, Zoë Knights, Zwoisy Mears-Clarke, Luise Meier, Nara Virgens, Cathy Walsh
BÜHNE: Pauline Brun
LICHT: Gretchen Blegen
KOSTÜM: Claudia Hill
DRAMATURGIE: Luise Meier
PRODUKTION: Alexandra Wellensiek
PRODUKTIONSASSISTENZ: Nara Virgens
Eine Produktion von Jule Flierl + Mars Dietz in Koproduktion mit Residenz Schauspiel Leipzig und SOPHIENSÆLE.
Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds und von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.
Anfertigung der Kostüme und Herstellung der Dekorationen in den Kostüm- und Theaterwerkstätten der Oper Leipzig.
Mit Dank an Mika Hayashi Ebbesen, Patrick Primavesi, Kunsthaus KuLe Berlin, Thomas Frank und Ulrike Melzwig (Residenz Schauspiel Leipzig).

DAS OST-WEST-DING ist ein Festival der SOPHIENSÆLE, gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Bundeszentrale für Politische Bildung.

Sophiensæle

Sophienstraße 18
10178 Berlin

sophiensaele.com
Karte

Tickets: (030) 283 52 66

Videodokumentation

Die Videodokumentation wird von der Kulturprojekte Berlin GmbH im Auftrag der Senatsverwaltung für Kultur und Europa hergestellt. Im Rahmen dieses Auftrags werden Produktionen im Bereich des zeitgenössischen Tanzes in Berlin dokumentiert. Die Masteraufnahmen werden von der Universitätsbibliothek der Universität der Künste Berlin archiviert. Kopien der Dokumentationen auf DVD werden folgenden Archiven zur Verfügung gestellt und sind ausschließlich im Präsenzbestand (an den Medienplätzen vor Ort) zur Sichtung zugänglich:

Universitätsbibliothek der Universität der Künste Berlin
Mediathek für Tanz und Theater des Internationalen Theaterinstituts / Mime Centrum Berlin
Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz Berlin

Jule Flierl / Trailer und Videodokumentationen

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